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Vom Wald zum Papier

Vom Wald zum Papier

Die Herstellung ebenso wie die Nutzung von Papier hat bisweilen gravierende ökologische und soziale Konsequenzen. Umso wichtiger ist der verantwortungsvolle Umgang mit Rohstoffen und Produkten.

Herkunft: Media Mundo
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Papier ist auch im 21. Jahrhundert noch immer das wichtigste Kommunikationsmedium. Allein in Deutschland stagniert der Papierverbrauch bei einem hohen Niveau von rund 22 Millionen Tonnen pro Jahr. In anderen Staaten steigt der Papierverbrauch immer noch ungebrochen. Die Umweltauswirkungen dieses ungeheuren Bedarfs sind kaum abzuschätzen.
Bereits 2006 haben 50 Umweltorganisationen und Interessensverbände weltweit deshalb eine ‚Papiervision‘ veröffentlicht. Im Fokus standen die Ansprüche, welche die NGOs an eine verantwortungsbewusste Papierproduktion und an verantwortungsbewusste Papierverbraucher stellen, damit die Umweltauswirkungen dauerhaft minimiert werden können. Diese Forderungen haben bis heute nichts an Ihrer Aktualität verloren.
Die erste Lösung der Papiervision heißt Vermeidung und Reduktion des Papierverbrauchs. Es gehört zu den zentralen Themen der nachhaltigen Medienproduktion, mit einer standardisierten Produktion und einer effizienten Planung Makulatur und Mehrdrucke zu vermeiden. Insbesondere die Technologie des Digitaldrucks erlaubt es, die Produktion exakt an den Grenzen des Bedarfs auszurichten.

Recyclingpapier


Trotzdem ist und bleibt Papier aber fester Bestandteil des Alltags. Ohne Papier geht es trotz aller Elektronisierung nicht. Vor allem in den Druckereien hat es als Produktionsmittel die höchste Umweltrelevanz. Deshalb sind die ökologischen Einsparpotenziale entsprechend, die man mit der Wahl des richtigen Papiers hier erzielen kann.
Verschiedene Studien belegen, dass bei allen ökologischen Indikatoren ein Recyclingpapier einem Frischfaserpapier überlegen ist. Deshalb steht die Nutzung von Recyclingpapier bzw. die Maximierung des Anteils an Recyclingfasern in Papier und Papierprodukten auch an zweiter Stelle der Papiervision. Wobei es auch darum geht, möglichst große Mengen an Recyclingfasern in die Kreisläufe zurückfließen zu lassen.
Aufgrund der Bedeutung des ökologischen Fußabdrucks von Papier ist die Nutzung von Recyclingpapier im Übrigen auch zunehmend ein Kriterium, das bei der Bewertung von nachhaltigen Leistungen durch Unternehmen herangezogen wird. Es verbindet ganz viele Vorteile: es reduziert die CO2-Emission, es schützt Ressourcen, es bietet große Einspareffekte im Bereich Wasser und Energie, es betrifft den Artenschutz und die Biodiversität in den Wäldern und last but not least auch das Thema Verbraucherschutz. Es dürfen beispielsweise bei Recyclingpapieren mit dem Blauen Engel keine schädlichen Chemikalien in der Produktion verwendet werden. Fakt ist, der Blaue Engel ist das anspruchsvollste Umweltzeichen. Es steht für die ganzheitliche Betrachtung des Lebenszyklus.
Zudem sind Recyclingpapiere der heutigen Generation vergleichbar mit Frischfaserpapieren. In Hinsicht auf Runability, Printability, Opazität, Reißfestigkeit und Weißegrad sind moderne Altpapieraufbereitungstechnologien weit vorangeschritten. Bei Zeitung und Kartonagen spielen Recyclingpapiere seit Langem eine große Rolle. Große Potenziale gibt es noch bei den grafischen Papieren, Magazinpapieren und Büropapieren.
Soziale Verantwortung
An dritter Stelle fordert die Papiervision soziale Verantwortung über die gesamte Verarbeitungskette hinweg. Das beinhaltet sowohl die Einhaltung sozialer Standards in der Produktion und Weiterverarbeitung als auch den Schutz der Rechte der lokalen Bevölkerung.
Die Rechte der lokalen Bevölkerung werden immer dann verletzt, wenn die Produktion einen wirtschaftlichen oder ökologischen Schaden in der betreffenden Region verursacht. Insbesondere indigene Völker leiden immer noch sehr unter der Nutzung von Holz als Rohstoff, die ihnen wertvolles und überlebensnotwendiges Land und oft sogar ihre kulturelle Identität raubt. Deshalb fordert die Papiervision auch explizit die Unterstützung gemeinschaftlicher Unternehmen der Lokalbevölkerung, die sogenannte „Community-Ownership“. Aber auch Industrienationen leiden unter der Tendenz hin zu einer Konzentration in immer größeren Industrieanlagen. Dem kann mit einer gezielten Förderung von kleinen oder mittelgroßen Unternehmen im Papiersektor entgegengewirkt werden.

Zertifizierte Papiere


Wenn sich die Nutzung von Frischfasern nicht vermeiden lässt, zum Beispiel weil man für den Druck von Landkarten sehr lange Fasern benötigt, empfiehlt die Papiervision Frischfasern aus nachhaltiger Waldwirtschaft. Sie sollte allerdings nur dann eine Alternative sein, wenn es keine vorrangige Handlungsoption mehr gibt.
Bei der Papierzertifizierung durch den FSC oder den PEFC geht es darum, ökologische und soziale Standards nicht nur in die Waldbewirtschaftung zu integrieren, sondern auch in die nachfolgende Chain of Custody hin zum Endkunden. Wenn es darum geht, ein Zertifikat auszustellen, müssen alle Beteiligten zunächst wissen, was tatsächlich zertifizierbar ist. Die Definition und die Entwicklung von Standards gehören deshalb zum Kerngeschäft des FSC und PEFC. Eine Herausforderung ist es, dazu die richtigen Leute an einen Tisch zusammenzubringen, um darüber zu entscheiden, was zu einem Standard gehören muss, der auch in dreißig Jahren noch einem Nachhaltigkeitsanspruch gerecht wird. Glaubwürdige und langfristige Lösungen entstehen nur dann, wenn unterschiedliche Ansprüche an die Produktion oder an die Papiere in einem Konsens tatsächlich abgebildet werden. Das ist nur zu schaffen, indem Umweltinteressen, soziale Interessen und wirtschaftliche Interessen relativ gleichwertig zusammengebracht und zu Lösungen formuliert werden.
Der Grundgedanke der Zertifizierung ist eigentlich recht simpel: Wenn der Waldbesitzer nachhaltig bewirtschaftet, kann er dies zertifizieren lassen. In der Chain-of-Custody wird geprüft, ob dieser Standard entsprechend weitergereicht wird. Und am Ende entsteht ein Produkt, das dem Konsumenten mit dem FSC-Siegel überprüfbar zur Verfügung steht. Es gibt aber auch eine ganz andere Perspektive, die in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen wird: Konsumenten formulieren ihre Anforderungen an die Nachhaltigkeit von Produkten und deren Herstellung. Bestimmte Instrumente dienen dazu, diesen Anspruch an die Verarbeitungskette zu kommunizieren, zum Beispiel der Blaue Engel oder das FSC-Siegel. Und so wird es zurück zum Waldbesitzer getragen.
Nachhaltige Waldbewirtschaftung gibt es weltweit, zunehmend sogar in problematischen Regionen wie in Südamerika oder in Zentralafrika. Tatsächlich werden beispielsweise im Kongo-Becken ganz erhebliche Waldflächen nach FSC-Standards bewirtschaftet. Und so ist das Konzept der Nachhaltigkeit eines, das nicht nur auf dem Papier stattfindet, obwohl es dort sehr deutlich zum Tragen kommt.

Check your Paper


Zu den Umweltfaktoren von Papieren zählt aber nicht nur die Ökobilanz des verwendeten Rohstoffs – sei es nun Holz oder Recyclingfaser. Auch die Papierproduktion selbst muss bestimmten Kriterien genügen, damit die Umwelt nicht unnötig belastet wird. Dazu gehört beispielsweise der Wasser- und Energieverbrauch, die weitgehend minimiert werden sollten, oder der Einsatz von Bleichmitteln. Der WWF hat mit Check your Paper den Schritt gewagt, ein Bewertungstool für Papiere zu entwickeln, das die unterschiedlichen Umweltkonsequenzen der Produktion und Weiterverarbeitung berücksichtigt.
Die größte Herausforderung ist die Tatsache, dass Papierprodukte oft auf einer sehr komplexen Supply Chain beruhen, die über verschiedenste Weiterverarbeitungsschritte führt. „Natürlich würden wir gerne jeden einzelnen Aspekt, jeden einzelnen Parameter abdecken, aber das ist in der Praxis leider unmöglich“, erklärt Anna Koivisto. „Wir mussten uns deshalb auf die Schlüsselfaktoren der Papierproduktion konzentrieren. Dazu gehören die Auswirkungen auf Wald, Wasser und Klima.“
Den schwierigen Auswahlprozess begleiteten wissenschaftliche Berater, Behörden und Regierungsvertreter, Papierproduzenten und Papiereinkäufer sowie andere Umweltorganisationen und Interessensvertreter. Gemeinsam gelang es, die vielfältigen Einflussfaktoren auf eine handhabbare Auswahl zu reduzieren. Gleichzeitig wurden die unterschiedlichen Auswirkungen gewichtet. Auch das war eine sehr große Herausforderung. Letztendlich machen die Herkunft der Fasern und der verantwortungsvolle Umgang mit der Ressource Holz etwa 40% der Gesamtbewertung aus. 30% der Gewichtung entfällt auf die Klimaauswirkungen wie zum Beispiel die CO2-Emissionen der Produktion sowie 20% auf das Wasser. Schließlich werden auch Umweltmanagementsysteme zu 10% mit in die Bewertung einbezogen, da sie einen guten Indikator für das Umweltengagement und die kontinuierliche Verbesserung der Umweltleistung der Produzenten darstellen.

Die Papierdatenbank


In einer Datenbank (http://checkyourpaper.panda.org/) können Papiereinkäufer die Papiere mit minimalen Umweltauswirkungen, die also deutlich unter einem definierten Durchschnitt liegen, identifizieren und vergleichen. Das Tool dient ebenso als Plattform für Papierhersteller und Papierhändler, die auf diese Weise transparent, glaubwürdig und überprüfbar die Umweltauswirkungen ihrer Produkte kommunizieren können. Der WWF wiederum profitiert davon, dass verantwortlicher Papiereinkauf gefördert wird.
Es gibt zu jedem Papier zunächst einen einzelnen Prozentwert, der über dessen Umweltauswirkung Auskunft gibt. Darüber hinaus werden die einzelnen Kriterien Wald, Klima und Wasser über ein Sternesystem, das beispielsweise zur Hotelbewertung üblich ist, beurteilt. Zudem wird gekennzeichnet, ob das Produkt und dessen Werte bereits durch einen unabhängigen Auditor überprüft wurden.
In der Detailansicht der Papiere werden natürlich auch die produktionstechnischen Parameter sowie ein Umweltprofil mit der Punktebewertung der einzelnen Kriterien angezeigt. Schließlich lassen sich die Papiere anhand verschiedener Anforderungen auch gezielt heraussuchen.

Die Papiervision


Wir, die Unterzeichnenden, wünschen uns ein zukünftiges Europa mit einem wesentlich geringeren Papierverbrauch als heute. Ein Europa, das den Einsatz von Recyclingmaterial maximiert und dessen Papierindustrie bei der Papierherstellung weniger auf Primärfaser setzt, die Landnutzungsrechte der lokalen Bevölkerung respektiert, Arbeitsplätze schafft und für Lebensbedingungen sorgt, die sozial verträglich, konfliktfrei und fair sind. Wir wünschen uns ein Europa, dessen Papier aus verantwortungsvoller und nachhaltiger Waldwirtschaft stammt und ausschließlich unter Nutzung erneuerbarer Energien hergestellt wurde, mit Wasser, das am Ende der Papierproduktion noch so sauber wie zuvor ist. Eine Papierherstellung, die auf dem Konzept von „zero waste“ und „zero emissions“ beruht.